Es war kurz vor zehn Uhr abends chinesischer Zeit, als sich in den sozialen Netzwerken die ersten Beschwerden häuften. DeepSeek, ein chinesischer KI-Chatbot, der in den vergangenen vierzehn Monaten 355 Millionen Nutzer gewonnen hatte, reagierte nicht mehr. Keine Fehlermeldung, keine Warnung. Nur Stille und ein blinkender Cursor.
Eine Nutzerin mit dem Spitznamen yezi888 fasste es auf der chinesischen Plattform Xiaohongshu ziemlich treffend zusammen: „Erst als DeepSeek ausfiel, wurde mir klar, dass ich ohne ihn nicht mehr arbeiten kann.“ Und sie war bei Weitem nicht die Einzige.
Mehr als sieben Stunden Chaos
Schauen wir uns genauer an, was eigentlich passiert ist. Am Sonntag, dem 29. März, gegen 21:35 Uhr Ortszeit räumte das Unternehmen auf seiner Statusseite die ersten Probleme ein. Zwei Stunden später meldete es deren Behebung. Doch die Freude währte nicht lange. Kurz nach Mitternacht kehrten die Probleme zurück, diesmal noch schlimmer. Die Ingenieure von DeepSeek spielten um 1:24 Uhr und anschließend um 9:13 Uhr morgens Korrekturen ein. Die endgültige Behebung erfolgte erst am folgenden Tag um 10:33 Uhr vormittags. Die Gesamtdauer des Ausfalls? Sieben Stunden und dreizehn Minuten ununterbrochener Nichtverfügbarkeit, wie unter anderem die Nachrichtenagentur Bloomberg bestätigte.
Für gewöhnliche Nutzer des Chatbots handelte es sich um den bislang längsten Ausfall, seit die Modelle R1 und V3 DeepSeek Anfang 2025 zu einem der weltweit beliebtesten KI-Dienste machten. Die Weboberfläche für Endnutzer hatte bis dahin keinen Ausfall von mehr als zwei Stunden erlebt.
Was genau einen derart massiven Zusammenbruch verursachte? Das weiß niemand. DeepSeek hält sich an sein übliches Vorgehen und veröffentlichte keinerlei Erklärung. Auf Medienanfragen, darunter auch von Bloomberg, reagierte das Unternehmen nicht. Das Einzige, was Nutzer auf der Statusseite fanden, war eine Meldung mit einem Tippfehler: „Performance Agnormal“ statt „Abnormal“.
Experten weisen unterdessen auf mehrere mögliche Ursachen hin. Es könnte sich um einen Serverausfall, einen Fehler nach einer Softwareaktualisierung oder eine Überlastung der Infrastruktur gehandelt haben. DeepSeek hatte bereits ähnliche Probleme erlebt, allerdings nur bei seiner API-Schnittstelle für Entwickler, und zwar Ende Januar 2025, als der Dienst einen enormen Ansturm neuer Nutzer verzeichnete.
Wer von dem Ausfall profitierte
Während DeepSeek nicht funktionierte, feierten seine Konkurrenten. Den verfügbaren Informationen zufolge stieg der Datenverkehr bei alternativen Diensten während des Ausfalls deutlich an, insbesondere beim Qwen-Modell von Alibaba. Der chinesische KI-Markt ist derzeit unglaublich stark umkämpft. ByteDance, Tencent und Alibaba haben in den vergangenen Monaten neue Modelle vorgestellt, und jede Gelegenheit, DeepSeek einen Teil seines Marktanteils abzunehmen, ist willkommen.
Und genau hier zeigt sich ein interessantes Paradoxon. Seit seinem Debüt hatte sich DeepSeek den Ruf eines zuverlässigen Dienstes mit einer Verfügbarkeit von nahezu 99 % aufgebaut. Die Menschen vertrauten ihm so sehr, dass sie ihn in ihre Arbeitsabläufe, Unternehmensanwendungen und täglichen Routinen integrierten. Doch je stärker man sich auf einen einzigen Dienst verlässt, desto härter ist der Absturz, wenn er plötzlich verschwindet.
Ein Flickwerk aus Korrekturen und kein Notfallplan
Der Entwickler Ahmed M. Abdelfattah, der auf der Plattform Medium über den Ausfall schrieb, schilderte seine Erfahrung sehr anschaulich. Um drei Uhr morgens durchsuchte er die Protokolle seines mit DeepSeek verbundenen Projekts. Jede Anfrage kam leer zurück. Kein Fehler, einfach nichts. Seiner Ansicht nach war die Mehrheit der 355 Millionen Nutzer nicht in der Lage, schnell eine Alternative zu finden. Und genau das ist das Problem.
Wie viele Unternehmen und Entwickler haben einen Notfallplan für den Fall vorbereitet, dass ihr KI-Anbieter ausfällt? Nach den Reaktionen in den sozialen Netzwerken zu urteilen, lautet die Antwort: verdammt wenige.
Der Ausfall kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Seit Anfang 2026 wird in Fachkreisen gemunkelt, dass DeepSeek sein Modell der nächsten Generation vorbereitet, das vermutlich die Bezeichnung V4 tragen wird. Das Unternehmen selbst hat dazu kein Wort gesagt, doch der Zeitpunkt ist verdächtig. Einige Kommentatoren auf Reddit spekulierten, dass der Ausfall mit der Migration der Serverinfrastruktur vor der Einführung des neuen Modells zusammenhängen könnte. Nichts davon ist jedoch bestätigt.
Einerseits handelt es sich „nur“ um einen siebenstündigen Ausfall eines Chatbots. Andererseits ist es eine Warnung für jeden, der seine Arbeit, sein Unternehmen oder seine Kreativität einem einzigen Dienst anvertraut hat. DeepSeek ist für Hunderte Millionen Menschen zu einer Art digitalem Rückgrat geworden. Und Server sollten nicht mitten in der Nacht ohne Erklärung zusammenbrechen.
Das Unternehmen schweigt bislang. Die Statusseite meldet, dass alle Systeme normal funktionieren. Doch der Tippfehler „Agnormal“ in der offiziellen Ausfallmeldung wird wohl noch eine Weile als unangenehme Erinnerung daran bestehen bleiben, dass auch die Erfolgreichsten nicht unfehlbar sind.
Quellen: reuters.com, timesofindia.indiatimes.com und tbsnews.net



