Amerikanischen Unternehmen steht das leistungsfähigste Modell zur Verfügung, das Anthropic je entwickelt hat, doch größtenteils lassen sie es ungenutzt. Zwei Monate nach der Einführung entfallen auf Fable 5 nur etwa elf Prozent aller Ausgaben, die Unternehmen bei Anthropic tätigen. Das geht aus Daten des Zahlungsdienstleisters Ramp hervor, der die Ausgaben von siebzigtausend amerikanischen Unternehmen ausgewertet hat.
Bislang galt eine Regel: Wenn ein Technologieunternehmen ein neues Spitzenmodell seines Angebots vorstellte, wechselten Geschäftskunden nahezu automatisch darauf. Beim Claude-Modell geriet diese Gewohnheit jedoch erstmals ins Stocken, und der Ausgabenanteil blieb bei elf Prozent stehen. Laut Ramp handelt es sich um etwas mehr als elf Prozent der ausgegebenen Dollar und etwa sechs Prozent der verarbeiteten Token. Unternehmen setzen das Modell nämlich nur für außergewöhnliche Aufgaben ein und lassen alltägliche Arbeiten von anderen Modellen erledigen.
Günstigere Modelle übernehmen die Arbeit
Das Modell Fable 5 kam im Juni auf den Markt und geriet sofort in politische Verwicklungen. Die Regierung von Donald Trump zwang Anthropic unter Berufung auf die nationale Sicherheit dazu, dieses Modell zurückzuziehen. Nach Erteilung der behördlichen Genehmigung kehrte es am 1. Juli zurück. Bei der Wahl eines Modells spielt die Politik heute jedoch eher eine untergeordnete Rolle. Analysten und Investoren von Anthropic sind sich einig, dass vor allem der hohe Preis von Fable 5 und die Tatsache entscheidend sind, dass ältere Modelle die meisten Anforderungen von Unternehmen erfüllen können.
Am deutlichsten zeigt sich das daran, wohin sich die Nachfrage verlagert hat. Das Modell Opus 4.8, also die schwächere und günstigere Variante, stieg von fünfzehn Prozent Anfang Juni auf mehr als die Hälfte gegen Ende Juli. Das Modell Opus 5, das Anthropic Ende Juli veröffentlichte, überholte kurz nach seiner Einführung bei den Unternehmensausgaben sogar das Flaggschiffmodell Fable 5. Die Kunden wechselten also nicht zur Konkurrenz, sondern entschieden sich lediglich innerhalb des Angebots von Anthropic für eine günstigere Variante.
Daneben drängen frei verfügbare Modelle aus China in denselben Markt und erhöhen den Preisdruck zusätzlich. Als günstigeren Ersatz können Unternehmen somit entweder ältere Modelle von Anthropic oder die chinesische Open-Source-Konkurrenz nutzen.
Der Preis ist inzwischen wichtiger als die Leistung
Der Unterschied bei den Kosten ist deutlich spürbar. Das Modell Fable 5 kostet rund zehn Dollar pro Million Token und damit etwa doppelt so viel wie das Modell GPT-5.6 Sol von OpenAI. Im Juli erzielte es lediglich drei Viertel der Einnahmen des Flaggschiffmodells der Konkurrenz. OpenAI hat nach einem verhaltenen Jahresbeginn wieder an Fahrt gewonnen, und seine annualisierten Einnahmen stiegen im laufenden Quartal um fünfunddreißig Prozent auf mehr als vierzig Milliarden Dollar. Hinter diesem Aufschwung steht die Einführung des Modells GPT 5.6 im Juli, das im Vergleich zu Fable 5 deutlich günstiger ist.
Die Zeit, in der Kunden automatisch zum leistungsstärksten Modell griffen, konnte nicht lange anhalten. Die meisten Menschen müssen schließlich nicht an der Grenze des technisch Machbaren arbeiten.
Anthrropic entwickelt sich weiterhin gut
Das geringere Interesse am Modell Fable 5 bedeutet nicht, dass das Unternehmen keinen Erfolg mehr hat. Anthropic lag im Juli bei der Zahl der zahlenden amerikanischen Unternehmen, die Ramp beobachtet, mit dreiundvierzig Prozent an der Spitze und damit vor OpenAI mit knapp vierzig Prozent. Seine annualisierten Einnahmen erreichten zudem fünfundsechzig Milliarden Dollar, verglichen mit siebenundvierzig Milliarden im Mai. Gegenüber einem Umsatz von neun Milliarden Dollar Ende 2025 entspricht das einer Steigerung auf mehr als das Siebenfache.
Laut der Zeitung Financial Times rechnen sechs Investoren von Anthropic damit, dass das Unternehmen im Oktober mit einer Bewertung von mindestens zwei Billionen Dollar an die Börse gehen wird. Ihren Modellen zufolge sollen die annualisierten Einnahmen bis zum Jahresende hundert bis hundertzwanzig Milliarden Dollar erreichen. Dabei handelt es sich allerdings um Erwartungen der Investoren und nicht um Zahlen, die das Unternehmen selbst bestätigt hätte. Seine interne Prognose sieht Einnahmen von zweihundert Milliarden Dollar nämlich erst für das Jahr 2028 vor.



