Wien hat Brüssel einen Vorschlag unterbreitet, der noch vor wenigen Wochen nahezu undenkbar geklungen hätte. Österreichs Staatssekretär für Digitalisierung, Alexander Pröll, forderte die Europäische Union auf, eine vollständige Verlagerung des Unternehmens Anthropic auf ihr Gebiet zu erwägen. Damit reagiert er auf eine US-amerikanische Beschränkung, die ausländischen Nutzern den Zugang zu den fortschrittlichsten Modellen des Unternehmens verwehrte.
Alles begann Anfang Juni, als das US-Handelsministerium Anthropic anwies, den Zugang zu den Modellen Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Nutzer auszusetzen. Washington begründete dies mit Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit. Die Modelle seien derart gut darin, Schwachstellen in Software aufzuspüren, dass sie kritische Systeme gefährden könnten.
Das Problem bestand darin, dass Anthropic nicht nur einen Teil der Nutzer sperren konnte. Das Unternehmen musste beide Modelle weltweit vollständig abschalten. So verloren über Nacht Millionen von Nutzern auf verschiedensten Plattformen den Zugang, von AWS Bedrock über Google Cloud und Microsoft Foundry bis hin zu den direkten Claude-Schnittstellen. Das Unternehmen wandte sich gegen diesen Schritt. Die Technik, auf die sich die US-Regierung berief, bezeichnete es als eine nicht universell anwendbare Methode zur Umgehung von Schutzmechanismen. Anthropic argumentierte, mit derselben Methode ließen sich ähnliche Fähigkeiten auch bei anderen allgemein verfügbaren Modellen freischalten, die jedoch keinerlei Beschränkungen unterliegen.
Später wurde die Maßnahme teilweise gelockert. Ein vertrauliches Schreiben des Handelsministeriums gewährte etwa hundert zugelassenen US-Unternehmen und -Institutionen wieder eingeschränkten Zugang zu Mythos 5. Kunden außerhalb der USA blieben jedoch weiterhin ausgeschlossen.
Österreich sieht bei Anthropic die richtigen Werte
Pröll schickte seinen Vorschlag an Henna Virkkunen, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für technologische Souveränität. "Lassen Sie uns gemeinsam eine strategische Ansiedlung und Beteiligung von Anthropic in der Europäischen Union prüfen. Mit Rechtssicherheit, Marktzugang, Kapital und einem Wertekanon, der zu diesem Unternehmen passt", schrieb er in dem Brief.
Warum gerade Anthropic? Pröll verweist auf die Philosophie des Unternehmens. Anthropic betrachte den ethischen Einsatz künstlicher Intelligenz angeblich nicht als Marketingtrick, sondern als echtes Prinzip. Das macht das Unternehmen aus österreichischer Sicht zu einem Partner, der gut nach Europa passen würde. Er selbst räumte ein, dass dies nicht einfach sein werde und Zweifel daran aufkommen würden, ob so etwas überhaupt machbar sei. "Die eigentliche Frage lautet nicht, ob es einfach ist", schrieb er. "Die Frage lautet, ob wir Europäer bereit sind, die Architekten unserer technologischen Zukunft zu sein, oder ob wir bloße Verwalter von Entscheidungen bleiben wollen, die anderswo getroffen wurden." Zudem sprach er eine Warnung aus. Wenn die Schlüsseltechnologie unserer Zeit außerhalb der europäischen Reichweite liegt und der Zugang zu ihr mit einem einzigen Federstrich entzogen werden kann, zeigt dies, wie verwundbar Europa ist.
Der Sprecher des Staatssekretärs, Vincenz Kriegs-Au, bestätigte, dass Pröll von einer vollständigen Verlagerung Anthropics spricht und nicht lediglich von der Eröffnung einer europäischen Niederlassung. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz für die EMEA-Region bereits im irischen Dublin. Pröll wies zugleich darauf hin, dass sich das Zeitfenster für einen solchen Schritt rasch schließen werde. "Wenn wir handeln wollen, müssen wir jetzt handeln", erklärte er.
Wie die gesamte Verlagerung rechtlich und technisch umgesetzt werden sollte, behandelt der Brief nicht. Es fehlt ein konkretes Verfahren, nach dem Anthropics hochmoderne Infrastruktur auf europäischen Boden verlagert werden könnte.
Brüssel spielt bereits nach seinen eigenen Regeln
Anfang des Monats stellte die Europäische Kommission Gesetze vor, die die heimische Cloud-Branche, künstliche Intelligenz und die Halbleiterproduktion stärken sollen. Ziel ist es, die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologieunternehmen zu verringern. Washington kritisierte dieses Vorgehen umgehend. Brüssel will jedoch nicht nachgeben, und Prölls Brief fügt sich genau in diese Bemühungen um mehr Eigenständigkeit ein. Anthropic hat sich bislang nicht zu dem österreichischen Vorschlag geäußert.
Realistisch betrachtet bleibt der Brief eines einzelnen Mitgliedstaates lediglich ein Brief. Er fordert die Kommission nur zu einer Prüfung auf, zu nichts weiter. Skeptiker weisen darauf hin, dass sich das Unternehmen zwar nach außen kosmopolitisch und werteorientiert präsentiert, in Wirklichkeit jedoch stark amerikanisch geprägt ist. In seinem Streit mit dem Pentagon über künstliche Intelligenz ging es Anthropic vor allem um den Schutz amerikanischer Bürger.



