Anfang Februar nahm die achtzehnjährige Jesse Van Rootselaar eine Waffe und begab sich an Orte, die sie gut kannte. Zunächst tötete sie ihre Mutter Jennifer Jacobs und ihren Stiefbruder Emmett direkt in deren Haus in Tumbler Ridge, einer kleinen Bergbaustadt im Norden von British Columbia. Anschließend begab sie sich zur nahe gelegenen Tumbler Ridge Secondary School. Dort erschoss sie fünf Kinder und eine Lehrkraft, bevor sie die Waffe gegen sich selbst richtete. Insgesamt kamen acht Menschen ums Leben. Weitere fünfundzwanzig wurden verletzt.
OpenAI sperrte ihr Konto, informierte aber nicht die Polizei
Die Ermittler stellten bald fest, dass Van Rootselaar ein aktives ChatGPT-Konto hatte. Und dass OpenAI es bereits im Juni 2025 gesperrt hatte, also mehrere Monate vor dem Angriff. Der Grund? Die eigenen Systeme des Unternehmens hatten erkannt, dass die Nutzerin Szenarien mit Schusswaffen und Gewalt beschrieb.
Intern wurden Mitarbeiter von OpenAI darauf aufmerksam. Es wurde erwogen, den Fall an die Royal Canadian Mounted Police weiterzuleiten. Letztlich entschied das Unternehmen, dass die Aktivitäten auf dem Konto seine internen Kriterien für eine Meldung nicht erfüllten. Eine konkrete und unmittelbare Bedrohung? Die sei angeblich nicht nachgewiesen worden. Das Konto wurde gesperrt. Die Polizei wurde nicht informiert. Und genau dieser Moment steht nun im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte darüber, was KI-Unternehmen dürfen, müssen und was sie versäumt haben.
Altmans Entschuldigung nach mehr als zwei Monaten
Sam Altman richtete den Brief direkt an die Gemeinschaft von Tumbler Ridge. Der Premierminister von British Columbia, David Eby, veröffentlichte ihn in den sozialen Medien. „Ich bedaure zutiefst, dass wir die Polizei nicht über das Konto informiert haben, das im Juni gesperrt wurde“, schrieb Altman. „Ich weiß, dass Worte nicht ausreichen, aber ich glaube, dass eine Entschuldigung notwendig ist, um den Schmerz und den unwiederbringlichen Verlust anzuerkennen, den Ihre Gemeinschaft erlitten hat.“
Altman äußerte sich in dem Brief auch persönlicher. „Ich kann mir nichts Schlimmeres auf dieser Welt vorstellen, als ein Kind zu verlieren. Mein Mitgefühl gilt weiterhin den Opfern, ihren Familien und der gesamten Provinz British Columbia“, schrieb er. Zugleich erklärte er, dass er in den vergangenen Monaten persönlich mit dem Bürgermeister von Tumbler Ridge, Darryll Krakowka, sowie mit Premierminister Eby gesprochen habe und von ihnen unmittelbar von der Wut und Trauer erfahren habe, die die Gemeinschaft ergriffen hätten.
Premierminister Eby veröffentlichte den Brief, verbarg seine Enttäuschung jedoch nicht. „Eine Entschuldigung ist notwendig und angesichts der Verwüstung, die die Familien von Tumbler Ridge erlitten haben, dennoch völlig unzureichend“, schrieb er zu dem Beitrag. Altmans Entschuldigung kam spät. Die Familien hatten ihre Kinder beerdigt. OpenAI sieht sich zugleich mit einer Klage konfrontiert. Die Familie eines der verletzten Kinder verklagte OpenAI mit der Behauptung, das Unternehmen habe konkrete Kenntnis von den Plänen der Schützin gehabt und dennoch nicht eingegriffen.
OpenAI verspricht Änderungen
Nach der Schießerei räumte das Unternehmen Fehler ein und kündigte Anpassungen seiner Verfahren an. Fachleute für psychische Gesundheit und Verhalten helfen nun bei der Bewertung von Risikofällen. Die Kriterien für die Weitergabe von Informationen an die Polizei wurden gelockert. Ann O'Leary, Leiterin der Abteilung für globale Politik bei OpenAI, schrieb in einem Brief an den kanadischen Minister für künstliche Intelligenz: „Wenn wir heute ein im Juni 2025 gesperrtes Konto entdecken würden, würden wir es nach unserem neuen Protokoll an die Polizei weiterleiten.“
Doch Tumbler Ridge ist bei Weitem kein Einzelfall. Rund zehn Monate vor der Schießerei in Kanada verübte der Student der Florida State University Phoenix Ikner einen Angriff auf dem Campus, bei dem zwei Menschen starben und sieben weitere verletzt wurden. Die veröffentlichten Mitschriften seiner Gespräche mit ChatGPT offenbarten detaillierte und erschreckende Pläne. Unternehmen wie OpenAI geraten damit wegen einer Frage unter Druck, auf die es keine einfache Antwort gibt: Wann genau sind sie zum Handeln verpflichtet?
Am Ende des Briefes versprach Altman, OpenAI werde weiterhin mit allen Regierungsebenen zusammenarbeiten, damit sich eine ähnliche Tragödie nicht wiederhole. Tumbler Ridge wird jedoch eine Narbe bleiben, die kein Brief heilen kann.
Quellen: cnn.com, futurism.com und heguardian.com



