Wie nutzen Lehrkräfte die KI Claude in ihrer täglichen Praxis?
In der heutigen, sich schnell verändernden Zeit wird künstliche Intelligenz (KI) auch in der akademischen Welt zu einem unverzichtbaren Helfer. Laut einem Bericht des Unternehmens Anthropic, das rund 74.000 anonymisierte Unterhaltungen von Hochschullehrkräften auf der Plattform Claude.ai im Mai und Juni 2025 analysiert hat, nutzen Lehrkräfte KI nicht nur für einfache Aufgaben, sondern auch für komplexe kreative Prozesse. Dieser durch Forschungsergebnisse der Northeastern University ergänzte Bericht zeigt, wie Lehrkräfte KI in ihre Arbeit integrieren, um Zeit zu sparen und die Qualität der Lehre zu verbessern.
Die häufigsten Einsatzmöglichkeiten von Claude unter Lehrkräften
Der wichtigste Bereich, in dem Lehrkräfte Claude einsetzen, ist die Entwicklung von Lehrplänen. Den Daten von Claude.ai zufolge macht diese Tätigkeit bis zu 57 % der analysierten Unterhaltungen aus. Lehrkräfte bitten dabei um Hilfe bei der Erstellung von Lehrplänen, Unterrichtsmaterialien oder sogar fiktiven juristischen Szenarien für Simulationen. So erstellen sie beispielsweise Inhalte für die berufliche Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften, wodurch sie Materialien schnell an die spezifischen Bedürfnisse der Lernenden anpassen können. Der zweithäufigste Bereich ist mit 13 % die akademische Forschung, bei der KI als Partner bei der Ideenfindung oder Datenanalyse dient. Den dritten Platz belegt mit 7 % die Bewertung der Leistungen von Studierenden, einschließlich der Bereitstellung von Feedback zu Aufgaben.
Aus der qualitativen Forschung an der Northeastern University geht hervor, dass Lehrkräfte Claude für die Automatisierung langweiliger Aufgaben wie der Einwerbung von Finanzmitteln oder als Denkpartner schätzen, der neue Möglichkeiten zur Erklärung komplexer Konzepte vorschlägt. Eine der befragten Lehrkräfte merkte an, dass KI die Schaffung personalisierter Lernerfahrungen ermögliche, die eine einzelne Lehrkraft allein nicht bewältigen könnte. Weitere Informationen zeigen, dass Institutionen wie die London School of Economics Claude bereits in ihre Lehrprozesse integrieren, was den breiteren Trend zur Einführung von KI in Europa und den USA bestätigt.
Erstellung interaktiver Werkzeuge: Von Unterhaltungen zu funktionsfähigen Anwendungen
Eine der inspirierendsten Erkenntnisse ist, wie Lehrkräfte die Artifacts-Funktion in Claude nutzen, um eigene interaktive Werkzeuge zu entwickeln. Anstelle einfacher Chats erstellen sie vollwertige Ressourcen, die sofort im Unterricht eingesetzt werden können. Zu den wichtigsten Kreationen gehören interaktive Lernspiele wie Escape Rooms oder Simulationen für verschiedene Fächer, Bewertungswerkzeuge einschließlich HTML-Quizze mit automatischem Feedback und Datenprozessoren zur Analyse der Leistungen von Studierenden, Datenvisualisierungen für historische Zeitleisten oder wissenschaftliche Konzepte sowie spezialisierte Hilfsmittel wie Spiele zur Stöchiometrie im Chemieunterricht oder Modelle der Computerphysik.
Lehrkräfte erstellen außerdem akademische Kalender, Budgetpläne für Institutionen oder Dokumente wie Sitzungsprotokolle und Empfehlungsschreiben. Wie eine Lehrkraft der Northeastern University berichtet: „Was früher zeitaufwendig war, wird jetzt möglich – eigene Simulationen, Illustrationen und interaktive Experimente. Das ist für Studierende viel interessanter.“ Anthropic führt außerdem einen neuen Lernmodus ein, der sokratische Fragen und ein tieferes Verständnis von Konzepten fördert und diese kreativen Möglichkeiten um eine ethische Dimension erweitert.
Augmentation versus Automatisierung
Die Analyse zeigt, dass Lehrkräfte die Augmentation – also die Zusammenarbeit mit KI – einer vollständigen Automatisierung vorziehen. So kommt die Augmentation beispielsweise bei der Hochschullehre einschließlich der Erstellung von Materialien in 77,4 % der Fälle zum Einsatz, beim Verfassen von Förderanträgen in 70 % und bei der akademischen Beratung in 67,5 %. Aufgaben wie die Verwaltung der Finanzen von Institutionen mit 65 % Automatisierung oder die Führung von Studierendenakten mit 48,9 % werden hingegen häufiger vollständig delegiert.
Dieser Ansatz spiegelt den Bedarf an Kontext und Kreativität bei Aufgaben im Zusammenhang mit Studierenden wider, bei denen KI als Unterstützung und nicht als Ersatz dient. Eine Lehrkraft merkte an: „Wertvoll ist die Unterhaltung mit dem Modell, nicht nur die erste Antwort. Das bringe ich auch den Studierenden bei – nutzt es als Denkpartner, nicht als Ersatz für das eigene Denken.“ Die Bewertung bleibt jedoch umstritten: Obwohl 48,9 % der Unterhaltungen über Bewertungen automatisiert waren, bezeichneten die befragten Lehrkräfte sie als den am wenigsten effektiven Bereich. Zu den ethischen Bedenken gehören die Genauigkeit und die moralische Verpflichtung, den Studierenden persönlich Zeit zu widmen – Studierende bezahlen nicht für KI, sondern für eine Lehrkraft.
Anthropic reagiert auf diese Herausforderungen mit der Einrichtung eines Higher Education Advisory Board, das zur verantwortungsvollen Nutzung von Claude berät, und entwickelt gemeinsam mit Lehrkräften AI-Fluency-Kurse, um ethische Kompetenzen bei Lehrkräften und Studierenden aufzubauen.
Die Zukunft der Lehre mit KI
KI zwingt Lehrkräfte dazu, zu überdenken, was und wie sie unterrichten. In der Programmierung konzentrieren sie sich beispielsweise statt auf das Debuggen von Code auf Konzepte für den Einsatz von Anwendungen im Geschäftsleben. Auch die Bewertung verändert sich – einige Lehrkräfte verzichten auf traditionelle Aufsätze und bevorzugen Aufgaben, die KI nicht ohne Weiteres bewältigen kann, etwa komplexe Probleme aus der realen Welt. Eine Lehrkraft der Northeastern University erklärte: „Ich werde nie wieder eine traditionelle Forschungsarbeit aufgeben. Stattdessen werde ich eine Aufgabe entwerfen, bei der Claude und ähnliche Werkzeuge nicht hilfreich sind – und das ist als Kompliment gemeint.“
Dennoch gibt es Grenzen: Die Analyse erfasste nur Unterhaltungen mit Hochschul-E-Mail-Adressen, wodurch Grund- und weiterführende Schulen ausgeschlossen wurden, und konzentriert sich auf frühe Anwender. Saisonale Schwankungen oder die Nutzung anderer Plattformen wurden nicht berücksichtigt. Für die Zukunft ist ein Dialog über politische Leitlinien und Forschung zu erwarten, damit KI die Bildung stärkt, statt sie zu schwächen. Anthropic unterstützt dies durch Initiativen wie AI-Fluency-Kurse, die dabei helfen, Kompetenzen für einen verantwortungsvollen Einsatz aufzubauen.



