Midjourney kennen Sie höchstwahrscheinlich als ein Programm, das aus Text Bilder zaubert. Jetzt hat das Unternehmen etwas vorgestellt, das es noch nie zuvor gemacht hat: Hardware. Und zwar keine Handyhülle oder Brille, sondern einen medizinischen Ganzkörperscanner.
Bei einer Veranstaltung in San Francisco präsentierte Gründer David Holz „The Midjourney Scanner“ und eine völlig neue Sparte, die dafür zuständig sein soll: Midjourney Medical. Der Scanvorgang klingt buchstäblich wie aus einem billigen Science-Fiction-Film. Sie steigen in ein flaches Becken voller „goldenem Licht“, eine Plattform senkt Sie mit einer Geschwindigkeit von fünf Zentimetern pro Sekunde ins Wasser ab, und ein Ring aus Sensoren erfasst beim Abtauchen Ihr Inneres.
Holz behauptete, das Ergebnis sei „in vielerlei Hinsicht sogar besser als MRT-Geräte“. Keine Strahlung, keine schweren Magnete, wie sie für die Magnetresonanztomografie benötigt werden, und das bei „fast hundertfacher Geschwindigkeit“. Das Unternehmen gibt an, dass ein Scan etwa 60 Sekunden dauert. Eine Ganzkörper-MRT kann dagegen durchaus 60 bis 90 Minuten in Anspruch nehmen.
Der Ruf von Midjourney beruht vollständig auf generativer künstlicher Intelligenz. Der Scanner nutzt sie jedoch größtenteils überhaupt nicht. „Bislang setzen wir dabei überhaupt keine KI ein, sondern nur wirklich großartige Hardware und Software“, sagte Holz laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. Künstliche Intelligenz kommt bei dem Unternehmen erst am Ende zum Einsatz. Sie dient dazu, einzelne Strukturen im Bild zu erkennen und zu kennzeichnen, also zu bestimmen, was auf dem Scan tatsächlich zu sehen ist. Die Bildgebung selbst besteht aus reinem Ultraschall und Signalverarbeitung.
Wie funktioniert der gesamte Scan?
Die Sensoren verhalten sich wie Delfine. Sie nutzen Echoortung. Sie senden Ultraschallwellen aus allen Winkeln in den Körper und erfassen, wie diese zurückkehren. Beim Eintauchen passieren Sie einen Ring aus einer halben Million kleiner Quadrate, von denen jedes so groß wie ein Sandkorn ist. Jedes davon kann zwei Dinge gleichzeitig tun. Es funktioniert sowohl als Miniaturlautsprecher als auch als Miniaturmikrofon. Sie erzeugen Ultraschallwellen und zeichnen eine Million Mal pro Sekunde auf, wie die Wellen zurückkehren.
Diese Körnchen produzieren Terabytes an Daten pro Sekunde. Die Daten gelangen in einen riesigen Rechencluster, in dem Tausende Computer die Arbeit untereinander aufteilen und die Wellen in Bilder umwandeln. Wenn eine Welle durch das Wasser und Ihren Körper läuft, verändert sie ihre Form. Das geschieht jedes Mal, wenn sie auf eine Veränderung der Dichte oder Steifigkeit trifft, also beim Übergang vom Wasser zur Haut, zum Fett, zum Muskel oder zum Knochen. Anhand der Veränderungen der Wellenformen rekonstruieren die Computer eine detaillierte Karte dessen, was im Inneren vor sich geht. Details werden bis auf einen halben Millimeter genau erfasst, was herkömmlichen klinischen MRT-Aufnahmen entspricht.
Midjourney ist nicht das erste Unternehmen mit einer solchen Idee
Midjourney behauptet, sein Scanner sei der erste seiner Art, der jemals gebaut wurde. Das stimmt nicht ganz. Das technische Video zeigt nämlich, dass das Gerät auf einer Methode namens Ganzkörper-Ultraschall-Computertomografie basiert. Und die ist nicht neu. Das schnelle Ganzkörperscannen in einem Wasserbecken ist Gegenstand aktiver Forschung an der Universität Caltech, die auf einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Arbeit basiert.
Auch die Sensoren hat Midjourney nicht selbst erfunden. Der Ankündigung wäre das nicht zu entnehmen, denn sie erweckt den Eindruck, es handle sich um eine reine Idee von Midjourney. Das Ultraschalltechnik-Unternehmen Butterfly Network veröffentlichte nach der Bekanntgabe jedoch eine eigene Pressemitteilung. Darin bestätigte es, 40 Ultraschall-Bildgebungsmodule für den Scanner geliefert zu haben. Die Hardware entstand auf Grundlage einer gemeinsamen Entwicklungsvereinbarung zwischen den beiden Unternehmen. Laut einem Dokument, das Butterfly 2025 bei der US-Börsenaufsicht eingereicht hat, soll das Unternehmen mit der Technik innerhalb von fünf Jahren 74 Millionen Dollar verdienen.
Diese Verschwiegenheit entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn Midjourney sieht sich derzeit mit Klagen von Disney und Warner Bros. Discovery konfrontiert. Diese behaupten, das Unternehmen habe ihre urheberrechtlich geschützten Werke ohne Erlaubnis zum Trainieren seines Bildgenerators verwendet.
Riesige Versprechen und bislang fast keine Ergebnisse
Es lohnt sich, bei dem Wörtchen „behauptete“ innezuhalten. Midjourney erstellt Bilder. Das Unternehmen hat noch nie ein physisches Produkt gebaut, noch nie ein medizinisches Gerät betrieben, und der Scanner verfügt über keinerlei behördliche Zulassung. Nach eigenen Angaben kann das Gerät derzeit lediglich „detaillierte Karten der Körperzusammensetzung“ erstellen. Alles Diagnostische, also das, was ihn zu einem echten Konkurrenten der MRT machen würde, benötigt die Genehmigung der US-amerikanischen Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde. Diese hat Midjourney bislang nicht, will sie aber selbstverständlich anstreben.
Das Unternehmen will bis 2031 weltweit mehr als 50.000 Scanner mit einer Kapazität von „einer Milliarde Scans pro Monat“ betreiben. Zudem behauptet es, dass genügend Bildgebung in einem frühen Stadium eines Tages „30 Prozent aller Todesfälle und 50 Prozent aller Gesundheitskosten verhindern“ könnte. Wie viel ein einzelner Scan kosten wird, wollte Holz bislang nicht sagen.
Ein Gewinn oder das genaue Gegenteil?
Ärzte sind vorsichtig. In Gesprächen mit Business Insider warnten Radiologen, dass häufige Ganzkörperscans zu Zufallsbefunden, falsch positiven Ergebnissen, Angst und unnötiger Nachsorge führen können, wenn die Ergebnisse nicht im medizinischen Kontext interpretiert werden. Die US-amerikanische Fachkommission für Prävention empfiehlt Vorsorgeuntersuchungen dort, wo Studien einen hohen oder mittleren Nutzen belegen. Einfach gesagt: Mehr Dinge im Körper zu finden, muss nicht immer hilfreich sein.
Auch der YouTuber und Wissenschaftsvermittler Hank Green reagierte gemischt. Er schrieb, er habe „gewisse Vorbehalte“ hinsichtlich der Art und Weise, wie Midjourney das Produkt präsentiere. Ultraschall könne seiner Ansicht nach vielversprechend sein, ersetze aber weder MRT noch CT, Koloskopie oder andere Untersuchungen. „Wenn Sie aus diesem Beitrag eine Sache mitnehmen sollen, dann diese: Verschiedene Untersuchungen leisten unterschiedliche Dinge“, schrieb Green. Jede von ihnen schließt Lücken, die die anderen nicht abdecken. Ein weiterer Scan wird keine davon ersetzen, aber hoffentlich etwas ergänzen.
Aus dem Silicon Valley war jedoch auch Begeisterung zu hören. Elon Musk schrieb im Netzwerk X nur ein einziges Wort: „cool“. Ben Parr, operativer Geschäftsführer des Unternehmens Moltbook, probierte die Technik aus und behauptete, er habe das Innere seines Arms gesehen.
Wellnesszentren mit Scannern
Ein Detail zeigt besonders deutlich, wie sehr der gesamte Plan bislang noch in den Sternen steht. Midjourney plant, Ende 2027 in San Francisco das „Midjourney Spa“ zu eröffnen. Die Rede ist von einer etwa 25.000 Quadratfuß großen Fläche in der Nähe des Union Square, ausgestattet mit neun oder zehn Scannern neben Whirlpools, Saunen und Kaltwasserbecken.
Wenn Sie ohnehin schon nass sind, warum sollten Sie das nicht nutzen? Der Scan wird zum Nebenprodukt eines angenehmen Tages. „Bei einem Besuch im Spa werden Sie kaum daran denken. Und plötzlich verfügen Sie über eine riesige Bibliothek mit Daten zu Ihrer Gesundheit“, schreibt das Unternehmen. Das Spa soll rund um die Uhr geöffnet sein, und laut Midjourney sollen Sie es so oft besuchen können, wie Sie möchten.
Das gesamte Projekt läuft angeblich mit der „höchsten physisch möglichen Geschwindigkeit“. Im kommenden Jahr will das Unternehmen die Algorithmen und die Hardware weiterentwickeln, Forschungstests vorbereiten und zur zweiten Generation des Geräts übergehen. Im Jahr 2028 will es mit der Expansion in weitere Städte beginnen und die dritte Generation des Scanners mit vollständig selbst entwickeltem Silizium einsetzen, bei der sich Bildqualität und Geschwindigkeit nach eigenen Angaben auf ein völlig neues Niveau steigern sollen.
Midjourney arbeitet ohne externe Investoren und bezeichnet sich selbst als „von der Gemeinschaft unterstütztes Forschungslabor“. Das Geld erhält das Unternehmen von normalen Menschen. Auf Fragen von Business Insider zur Abrechnung, zur Speicherung von Gesundheitsdaten oder dazu, wie genau die Technik KI nutzt, hat das Unternehmen bislang nicht geantwortet.
Quellen: theinformation.com und theverge.com



