Die Sicherheitsforscher Roy Paz vom Unternehmen LayerX Security und Alexandre Pauwels von der Universität Cambridge stießen auf einen öffentlich zugänglichen Datenspeicher von Anthropic. Darin? Fast 3.000 unveröffentlichte Dateien, darunter der Entwurf eines Blogbeitrags, der ein Modell beschreibt, von dessen Existenz die Welt noch nichts wusste. Es heißt Claude Mythos, und sein Bekanntwerden hat einen gewaltigen Sturm ausgelöst.
Anthropic räumte den Fehler schnell ein. Das Content-Management-System des Unternehmens setzte neu hochgeladene Dateien auf öffentlich, sofern der Nutzer sie nicht manuell auf privat umstellte. Schlicht ein menschlicher Fehler. Doch die Folgen dieses Fehlers sind alles andere als banal.
Was wird Mythos sein?
Laut dem durchgesickerten Dokument, das die Website Fortune geprüft hat, bezeichnet Anthropic Mythos als „das bislang leistungsfähigste KI-Modell, das das Unternehmen je entwickelt hat“. Intern wird auch mit dem Namen Capybara gearbeitet, wobei beide Bezeichnungen offenbar dasselbe Modell meinen. Mythos soll eine völlig neue Stufe oberhalb der bestehenden Opus-Reihe bilden. Bisher galt die Hierarchie Haiku, Sonnet und Opus, wobei Opus am leistungsfähigsten war. Mythos wird die neue Spitze der Pyramide. Es handelt sich um ein größeres, teureres und leistungsfähigeres Modell als Opus 4.6, das sich primär an Unternehmenskunden mit komplexen Anforderungen richtet.
Was genau kann es besser? Laut dem durchgesickerten Vergleich sind die Ergebnisse in den Bereichen Programmierung, akademisches Schlussfolgern und Cybersicherheit deutlich gestiegen. Beim Benchmark SWE-bench Verified, der die Fähigkeit eines Modells testet, reale Fehler in produktiv eingesetzten Softwareprojekten zu beheben, erreichte Opus 4.6 einen Wert von rund 72 bis 73 Prozent. Mythos soll Werte im mittleren bis hohen 80-Prozent-Bereich erreicht haben.
Stark in der Cybersicherheit, und genau das ist ein Problem
Und nun zu dem Teil, der Fachleuten den Schlaf raubt. In dem durchgesickerten Dokument heißt es ausdrücklich: Mythos ist „bei seinen Cyberfähigkeiten derzeit jedem anderen KI-Modell weit voraus“ und kündigt eine Welle von Systemen an, die Schwachstellen viel schneller aufdecken werden, als Verteidiger reagieren können.
Anthropic selbst beschreibt dies in dem Dokument als beispielloses Risiko. Das Modell kann Sicherheitslücken in Software mit einer Genauigkeit identifizieren, die bislang nicht möglich war. Für Sicherheitsteams, Penetrationstester und Forscher ist es ein äußerst effektives Werkzeug. In den falschen Händen wird es jedoch zu einem Werkzeug für groß angelegte automatisierte Angriffe.
Anthropic hat mit diesem Thema übrigens unmittelbare Erfahrung. Das Unternehmen dokumentierte bereits zuvor einen Fall, bei dem eine staatlich unterstützte chinesische Gruppe Claude zur Infiltration von rund 30 Organisationen einsetzte, darunter Technologieunternehmen, Finanzinstitute und Regierungsbehörden. Anthropic entdeckte die Kampagne, sperrte die Konten und informierte die betroffenen Organisationen. Diese Erfahrung prägt offensichtlich die Vorgehensweise bei der Veröffentlichung von Mythos.
Deshalb hat das Unternehmen einen vorsichtigen Weg gewählt: Vorerst erhält nur eine kleine Gruppe von Kunden im Rahmen eines Early-Access-Programms Zugang, wobei der Fokus gerade auf Cyberverteidigern liegt, damit sie vor der bevorstehenden Welle von KI-Angriffen einen Vorsprung haben.
Wie es zu dem Datenleck kam
Das technische Versagen war überraschend simpel. Das Content-Management-System, das Anthropic für seinen Blog verwendet, setzte neu hochgeladene Dateien automatisch auf öffentlich und wies ihnen eine zugängliche URL zu. Wenn ein Nutzer vergaß, den Schalter umzulegen, war die Datei für jeden zugänglich, der wusste, wo er suchen musste.
Experten für Datensicherheit weisen darauf hin, dass sich dies leicht hätte verhindern lassen. Werkzeuge wie DSPM (Data Security Posture Management) hätten den falsch konfigurierten Speicher automatisch erkannt und die offengelegten Dateien als sensibel gekennzeichnet. DLP-Systeme (Data Loss Prevention) hätten wiederum verhindert, dass Dateien mit internen Codenamen wie „Mythos“ oder „Capybara“ eine öffentliche Adresse erhalten. Die Dateien hätten die sichere Umgebung schlicht nicht verlassen.
Anthropic sperrte den Zugriff auf den Datenspeicher unmittelbar nach dem Hinweis von Fortune. Pauwels und Fortune hatten die Dokumente jedoch bereits hinreichend prüfen können, und die Nachricht verbreitete sich weltweit.
Was wir über Mythos hingegen nicht wissen
Die durchgesickerten Zahlen sind verlockend, sollten jedoch mit nüchternem Blick betrachtet werden. Benchmarks, die vor der Veröffentlichung eines Modells bekannt gegeben werden, wählt der Hersteller selbst aus und präsentiert sie im günstigsten Licht. Die endgültige Version des Modells kann bei ihrer Veröffentlichung anders aussehen. Zudem bedeutet selbst das beste Ergebnis nicht, dass das Modell in der Praxis genau so funktionieren wird, wie es die Tests nahelegen.
Das genaue Veröffentlichungsdatum ist weiterhin unbekannt. Ebenso wenig kennen wir den Preis oder technische Parameter wie etwa die Länge des Kontextfensters. Anthropic bestätigte lediglich, dass das Unternehmen das Modell mit ausgewählten Kunden testet und es als „qualitativen Sprung und das bislang leistungsfähigste Modell, das das Unternehmen je entwickelt hat“ betrachtet.
Es wird außerdem über die Existenz eines zweiten Modells innerhalb derselben Reihe spekuliert, das vorläufig Claude Capiara genannt wird und eine ähnliche Rolle wie die kleineren Varianten der Opus-Reihe übernehmen könnte. Anthropic hat dies bislang jedoch nicht bestätigt.



