KI als gewöhnliche Technologie: Warum wir aufhören sollten, künstliche Intelligenz als Magie zu betrachten
Die Diskussion über künstliche Intelligenz (KI) schwankt häufig zwischen utopischen Visionen allwissender Helfer und dystopischen Szenarien vom Untergang der Menschheit. Ein Forscherduo wartet nun mit einer erfrischenden Perspektive auf. Arvind Narayanan und Sayash Kapoor von der Princeton University schlagen in ihrer Studie für das Knight First Amendment Institute vor, KI als „gewöhnliche Technologie“ zu betrachten – und nicht als etwas, das sich grundlegend von allem unterscheidet, was die Menschheit bisher geschaffen hat.
Was bedeutet „KI als gewöhnliche Technologie“?
Die Aussage, dass „KI eine gewöhnliche Technologie ist“, wirkt auf den ersten Blick vielleicht provokant. In einer Zeit, in der generative Modelle wie ChatGPT oder DALL-E die Öffentlichkeit in Erstaunen versetzen und es scheint, als würden Maschinen beginnen, ähnlich wie Menschen zu denken, kann eine solche Aussage wie eine Unterschätzung des revolutionären Potenzials künstlicher Intelligenz klingen. Die Autoren der Studie erklären jedoch, dass ihr Rahmenkonzept drei Bedeutungen hat: „Erstens beschreibt es den gegenwärtigen Zustand – heutige KI-Systeme sind hochentwickelte Werkzeuge und keine eigenständigen Agenten mit eigenen Absichten“, schreiben die Forscher. „Zweitens handelt es sich um eine Prognose der zukünftigen Entwicklung – auch in absehbarer Zeit erwarten wir nicht, dass KI-Systeme zu etwas werden, das sich grundlegend von gewöhnlichen Technologien unterscheidet. Und drittens ist es eine Empfehlung – die Gesellschaft sollte bei der Regulierung von KI genauso vorgehen wie bei anderen bedeutenden Technologien, und zwar durch bewährte institutionelle Verfahren und politische Maßnahmen.“
Lehren aus der Geschichte der Technologien
Eines der zentralen Argumente der Studie lautet, dass wir aus der Geschichte der Einführung anderer bahnbrechender Technologien lernen sollten. Elektrizität, Automobile, das Internet – all diese Erfindungen haben die Gesellschaft dramatisch verändert, doch keine von ihnen führte zu einer sofortigen Transformation aller Bereiche des menschlichen Lebens. „Technologische Revolutionen vollziehen sich typischerweise über viele Jahrzehnte und nicht innerhalb weniger Jahre“, betonen die Autoren. „Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen der Geschwindigkeit, mit der sich neue Methoden entwickeln, und der Geschwindigkeit, mit der die Gesellschaft neue Anwendungen annimmt und sich an sie anpasst.“ Narayanan und Kapoor weisen darauf hin, dass der Fortschritt bei grundlegenden KI-Modellen zwar schnell sein kann, ihre tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft jedoch schrittweise eintreten und von vielen Faktoren abhängen werden, darunter den wirtschaftlichen Bedingungen, dem regulatorischen Umfeld und der gesellschaftlichen Akzeptanz.
Der Mensch bleibt im Mittelpunkt
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Rahmenkonzepts besteht darin, dass Menschen – und menschliche Organisationen – die primäre Kontrolle darüber behalten, wie KI eingesetzt wird. Selbst die fortschrittlichsten heutigen KI-Systeme sind letztlich Werkzeuge, die ohne menschliche Steuerung, Wartung und Überwachung nicht funktionieren können. „Die Rolle der Menschen wird sich verändern und sich in Richtung Steuerung und Verwaltung dieser Werkzeuge verschieben, aber die Menschen werden nicht ersetzt“, argumentieren die Forscher. „Selbst im Fall hochautonomer Systeme werden Menschen und Organisationen weiterhin darüber entscheiden, wann, wo und wie diese Systeme eingesetzt werden.“ Diese Sichtweise steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass KI-Systeme zu unabhängigen Agenten mit eigenen Zielen werden, die im Widerspruch zu menschlichen Interessen stehen könnten – ein Szenario, das einige Experten für existenzielle KI-Risiken als reale Bedrohung betrachten.
Ablehnung des technologischen Determinismus
Das Konzept „KI als gewöhnliche Technologie“ lehnt außerdem ausdrücklich den technologischen Determinismus ab – die Vorstellung, dass die Technologie selbst ihre gesellschaftlichen Auswirkungen bestimmt. Stattdessen betont es die Rolle von Institutionen bei der Gestaltung der mit neuen Technologien verbundenen Risiken und Vorteile. „Die Technologie selbst bestimmt nicht die gesellschaftlichen Ergebnisse“, erklären die Autoren. „Institutionen und politische Entscheidungen prägen maßgeblich, wie die Technologie die Gesellschaft beeinflusst.“ Beim Internet haben wir beispielsweise gesehen, wie unterschiedliche Ansätze zur Verwaltung dieser Technologie in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben – vom offenen und freien Internet in einigen demokratischen Ländern bis hin zum zensierten und kontrollierten Internet in autoritären Regimen. Ähnlich werden auch die Auswirkungen von KI weitgehend davon bestimmt werden, wie die Gesellschaft mit ihrer Regulierung und Verwaltung umgeht.
Implikationen für die Risikobewertung
Dieses Rahmenkonzept führt zu einer anderen Sichtweise auf die mit KI verbundenen Risiken. Statt sich vor einer unkontrollierbaren Superintelligenz zu fürchten, die eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit darstellen könnte, konzentriert es sich auf die Bewältigung von Risiken, wie wir sie von anderen mächtigen Technologien kennen – Unfälle, Missbrauch, Wettrüsten oder eine nicht passende Ausrichtung beim Einsatz von KI-Systemen. „Risiken im Zusammenhang mit Unfällen oder dem Missbrauch von KI sollten ähnlich wie bei anderen fortschrittlichen Technologien gesteuert werden – durch robuste, auf Resilienz ausgerichtete Institutionen“, schlagen die Forscher vor. „Drastische politische Maßnahmen, die auf der Angst vor einer unkontrollierbaren Superintelligenz beruhen, können kontraproduktiv sein, wenn sich die gegenwärtigen Trends nicht ändern.“ Die Autoren warnen, dass solche drastischen Maßnahmen unbeabsichtigt Probleme verstärken könnten, die für die Einführung von Technologien in kapitalistischen Gesellschaften typisch sind, etwa Ungleichheit.
Empfehlungen für Politik und Regulierung
Was empfiehlt dieses Rahmenkonzept also konkret den politischen Entscheidungsträgern? Narayanan und Kapoor schlagen drei Hauptansätze vor:
- Verringerung der Unsicherheit über die gesellschaftlichen Auswirkungen durch Forschung und Transparenz.
- Stärkung der Widerstandsfähigkeit sozialer Systeme gegenüber katastrophalen Risiken, ohne auf extreme Regulierungsmaßnahmen zurückzugreifen, sofern diese nicht durch klare Belege für beispiellose Gefahren gerechtfertigt sind.
- Anerkennung der Kontinuität mit der Vergangenheit – die meisten Schäden und Vorteile des breiten Einsatzes von KI werden denen ähneln, die wir bei früheren vielseitig einsetzbaren Technologien beobachtet haben: wirtschaftliche Veränderungen (einschließlich Ungleichheit), Veränderungen der Arbeitsmärkte, aber nicht notwendigerweise existenzielle Bedrohungen, die einzigartig für maschinelle Intelligenz wären.
Die Autoren betonen außerdem die zentrale Rolle institutioneller Mechanismen, die sich in der Vergangenheit bei der Steuerung des technologischen Fortschritts bewährt haben – von transparenter Risikoforschung bis hin zur internationalen Zusammenarbeit im Bereich der Regulierung.
Eine Neubewertung des gegenwärtigen KI-Diskurses
Eine der Folgen der Annahme des Rahmenkonzepts „KI als gewöhnliche Technologie“ ist die Notwendigkeit, den gegenwärtigen Diskurs über künstliche Intelligenz neu zu bewerten, der häufig von überzogenen Erwartungen oder katastrophalen Prognosen geprägt ist. „Überzogene Erwartungen an KI können zu falschen Investitionsentscheidungen, Enttäuschungen und letztlich zu einem weiteren ‚KI-Boom und -Crash‘ führen“, warnen die Autoren. „Ebenso können übertriebene Ängste zu einer Lähmung oder zu allzu drastischen regulatorischen Eingriffen führen, die potenzielle Vorteile behindern könnten.“ Stattdessen schlagen sie einen ausgewogeneren Ansatz vor, der sowohl die potenziellen Vorteile als auch die Risiken von KI anerkennt, sie jedoch in einen historischen Kontext stellt und sich auf pragmatische, evidenzbasierte Lösungen konzentriert.
Pragmatischer Optimismus
Das Rahmenkonzept „KI als gewöhnliche Technologie“ bietet eine erfrischende Alternative zu den vorherrschenden Narrativen über künstliche Intelligenz. Es ist weder utopisch noch dystopisch – sondern pragmatisch. Es erkennt das transformative Potenzial von KI an, ordnet es jedoch in den Kontext früherer technologischer Revolutionen ein. „Unser Ziel ist es nicht, die Auswirkungen künstlicher Intelligenz zu verharmlosen“, schließen Narayanan und Kapoor. „KI ist tatsächlich eine leistungsfähige, vielseitig einsetzbare Technologie mit dem Potenzial, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend umzugestalten. Aber dasselbe galt auch für Elektrizität, das Automobil und das Internet. Der Umgang mit KI sollte von den Lehren der Vergangenheit geprägt sein und nicht von Vorstellungen einer beispiellosen technologischen Singularität.“ Dieser Ansatz fordert politische Entscheidungsträger, Forscher und die Öffentlichkeit dazu auf, pragmatisch mit künstlicher Intelligenz umzugehen: sich auf bewährte Verwaltungsstrukturen zu konzentrieren und gegenüber ihren einzigartigen Herausforderungen wachsam – nicht alarmistisch – zu bleiben. So können wir sowohl übertriebenen Optimismus als auch lähmende Angst vermeiden und uns stattdessen darauf konzentrieren, wie KI bestmöglich zum Wohle der Gesellschaft eingesetzt werden kann.



