Anthropic hat am Dienstag Claude Cowork auf Mobilgeräten und im Web gestartet. Gleichzeitig veröffentlichte das Unternehmen etwas Interessanteres als eine Liste neuer Funktionen. Es legte Daten aus 1,2 Millionen Nutzungsvorgängen vor, aus denen eines hervorgeht: Fast niemand nutzt dieses Werkzeug zum Programmieren. Das Schreiben von Code macht lediglich 8,7 % der gesamten Nutzung aus. Der Rest entfällt auf gewöhnliche Büroarbeit.
Dabei ist Cowork aus dem Programmieren hervorgegangen. Anthropic machte sich dank des Werkzeugs Claude Code einen Namen unter Entwicklern und stellte Cowork im Januar als „Claude Code ohne Code“ vor. Die Idee bestand darin, denselben automatisierten Assistenten auch Menschen zur Verfügung zu stellen, die niemals ein Terminal öffnen. Nun hat das Unternehmen gezeigt, dass dieser Plan anders aufging als erwartet.
Neue Änderungen bei Cowork
Die Erweiterung auf Mobilgeräte und das Web bringt drei konkrete Änderungen mit sich. Die erste ist die Synchronisierung zwischen Geräten. Sie können eine Aufgabe am Schreibtisch auf dem Notebook starten, den Fortschritt auf dem Smartphone überprüfen und das fertige Ergebnis in jedem beliebigen Browser abrufen.
Die zweitwichtigste Änderung besteht darin, dass Cowork nun im Hintergrund weiterlaufen kann, selbst wenn keines Ihrer Geräte eingeschaltet ist. Geplante Aufgaben laufen auf den Servern von Anthropic. Das Unternehmen veranschaulicht dies am Beispiel einer montäglichen Kundenvorbereitung, die für sechs Uhr morgens angesetzt ist. Claude geht E-Mail-Verläufe, Gesprächsprotokolle und aktuelle Nachrichten durch, erstellt ein Hintergrunddokument und bereitet einen E-Mail-Entwurf vor, den es geöffnet und ungesendet lässt. Sie können ihn dann in Ruhe beim Morgenkaffee lesen.
Die dritte Neuerung betrifft Situationen, in denen eine menschliche Entscheidung erforderlich ist. Wenn Claude auf einen Punkt stößt, der menschliches Urteilsvermögen erfordert, etwa bevor etwas versendet wird, schickt es eine Anfrage direkt an Ihr Smartphone. Ohne Ihre Zustimmung wird nichts versendet. Außerdem können Sie eine laufende Aufgabe jederzeit neu ausrichten.
Anthropic hat zugleich die klassische Chatoberfläche und Cowork an einem Ort zusammengeführt. Im Web wie auch auf dem Computer finden Sie Projekte und Ergebnisse nun gebündelt, unabhängig davon, ob Sie sich mit Claude nur unterhalten oder ihm eine mehrstündige Aufgabe übertragen. Damit die Menschen die Neuerung ausprobieren, hat das Unternehmen die Nutzungslimits bis zum 5. August verdoppelt.
Arbeit rund um die Arbeit
Zusammen mit der Einführung der mobilen Version veröffentlichte Anthropic eine Studie, die auf 1,2 Millionen Nutzersitzungen basiert. Die Stichprobe stammt aus mehr als 600.000 Organisationen und Unternehmen. Das System ordnete die Nutzung automatisch zwanzig Kategorien zu.
Die größte davon heißt Betrieb und Unternehmensprozesse. Sie macht 33,4 % der gesamten Nutzung aus. Dazu gehören der Abgleich von Tabellen, die Erstellung von Listen für die Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder die Zusammenführung verstreuter Aktualisierungen in einem einzigen Bericht. Auf dem zweiten Platz liegen die Erstellung von Inhalten und das Verfassen von Werbetexten mit 16,4 %. Dazu zählen Entwürfe, Präsentationen, Angebote und Beiträge für soziale Netzwerke. Zusammen machen diese beiden Kategorien etwa die Hälfte aller Aufgaben aus, für die Menschen Cowork einsetzen.
Softwareentwicklung? Lediglich 8,7 %. Dahinter folgen DevOps und Infrastruktur mit 7 %, Forschung und Analytik mit 6,4 % sowie Datenanalyse mit 5,8 %. Persönliche Assistenz macht 3,8 % aus, Bildung 2,4 % und die Verarbeitung von Besprechungsnotizen lediglich 1,8 %.
Für diese Art von Aufgaben hat Anthropic die Bezeichnung „Arbeit rund um die Arbeit“ geprägt. Gemeint sind Tätigkeiten, die formal nicht zum eigentlichen Aufgabenbereich einer bestimmten Person gehören, sich aber durch nahezu jede Rolle im Unternehmen ziehen. Anthropic zufolge handelt es sich um verbindende Arbeit, die Projekte voranbringt und den Unternehmensbetrieb aufrechterhält. Die Menschen nutzen Cowork demnach vor allem dazu, Informationen zusammenzutragen und zu ordnen, auf deren Grundlage sie anschließend selbst handeln.
Eine Strategie und zwei Wege
Claude Code, der Programmierassistent für das Terminal, dominiert unter Entwicklern beim Erstellen, Debuggen und Ausliefern von Code. Cowork zielt in eine andere Richtung. Es soll eine wesentlich größere Gruppe von Menschen ansprechen, deren Arbeit im Erstellen, Sortieren und Weitergeben von Informationen besteht und nicht im Schreiben von Code. Interessant ist, dass selbst Entwickler Cowork üblicherweise nicht zum Programmieren einsetzen. Sie greifen darauf für die Kommunikation zurück, die ihre Rolle umgibt, also für Statusmeldungen, Dokumentation und Koordination.
Anthropic bezeichnete Cowork als Nachkommen eines Programmierwerkzeugs. Anschließend veröffentlichte das Unternehmen eine Studie, die belegt, dass es fast niemand zum Programmieren nutzt. Das ist weder ein Unfall noch eine Peinlichkeit. Genau das war beabsichtigt. Entwickler sind eine klar definierte und zahlungsbereite Gruppe, doch ihre Zahl ist begrenzt. Zudem konkurrieren sämtliche KI-Labore um dieselben Entwicklerlizenzen. Die weitaus größere Beute sind alle anderen im Gebäude.
Der Haken bei Preis und Sicherheit
Die Web- und Mobilversion befinden sich vorerst im Testbetrieb und sind nur Abonnenten des Max-Tarifs zugänglich, der in den USA hundert Dollar pro Monat kostet. Das ist ein spürbarer Unterschied zu den günstigeren Tarifen der Konkurrenz. Anthropic verspricht, dass auch die Tarife Pro, Team und Enterprise „in den kommenden Wochen“ Zugang erhalten werden, ein konkretes Datum gibt es bislang jedoch nicht.
Entscheidend bleibt auch die Rolle der Desktopversion. Sie hat weiterhin Zugriff auf lokale Dateien und den Browser, was weder die Mobil- noch die Webversion ermöglicht. Sitzungen in der Cloud laufen zwar auch nach dem Schließen der Desktopanwendung weiter, doch sobald diese ausgeschaltet ist, können sie nicht mehr auf lokale Dateien zugreifen. Für eine oberflächliche Kontrolle von Aufgaben und für Freigaben reichen Mobilgerät und Web aus, für intensive Arbeit mit dem Dateisystem bleibt jedoch der Computer erforderlich.
Die Ausführung von Aufgaben im Hintergrund wirft zudem Sicherheitsfragen auf. Sicherheitsexperten haben bereits einen mutmaßlichen Ausbruch aus der Sandbox in der Windows-Version veröffentlicht. Anthropic stellt dessen Tragweite infrage, doch die Bedenken bleiben bestehen. Aufgaben laufen nun unbeaufsichtigt und außerhalb der direkten Kontrolle des Nutzers, sodass Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten, genau prüfen sollten, welchen verknüpften Anwendungen sie dauerhafte Berechtigungen erteilt haben. Die Planung einer Aufgabe ohne ein aktives Gerät vergrößert nämlich den Spielraum für den Missbrauch von Zugangsdaten.
Bei der Konkurrenz sieht es ähnlich aus. Microsoft stellte im Juni einen eigenen Copilot für lange, mehrstufige Aufgaben innerhalb des Microsoft-365-Pakets bereit. OpenAI treibt sein Werkzeug Codex voran, das ebenfalls als Hilfsmittel für Entwickler begann und heute von Nutzern ohne Programmierkenntnisse für Berichte und Tabellen eingesetzt wird. Google führte dieses Jahr das ständig aktive Werkzeug Spark ein. Anthropic ist jedoch das erste große Unternehmen, das offen und mit Zahlen belegt erklärt hat, dass die größte Nachfrage nach automatisierten Assistenten nicht von Entwicklern kommt, sondern von allen anderen.



