Die chinesischen Behörden haben sich im vergangenen Monat mit den größten Technologieunternehmen des Landes getroffen und darüber beraten, ob sie ausländischen Nutzern den Zugang zu den fortschrittlichsten chinesischen Modellen für künstliche Intelligenz beschränken sollen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters, die sich auf drei mit den Gesprächen vertraute Quellen beruft, könnten die Maßnahmen auch Modelle betreffen, die noch nicht veröffentlicht wurden. Das wäre eine deutliche Kehrtwende. Noch vor einem Jahr stellte China seine Modelle der Welt bereitwillig zur Verfügung.
Mit am Tisch saßen Vertreter der Technologiegiganten Alibaba und ByteDance sowie des Start-ups Z.ai. Genau diese drei Unternehmen stehen hinter Modellen, die heute von der halben Welt genutzt werden. Alibaba entwickelt die Qwen-Reihe, ByteDance das Modell Doubao. Beide gehören zu den am weitesten verbreiteten Modellen in China. Z.ai wiederum sorgte kürzlich mit seinem Modell GLM-5.2 im Silicon Valley für Aufsehen. Seine Fähigkeiten reichen an die führenden amerikanischen Systeme heran, allerdings zu einem Bruchteil der Kosten.
Worüber gesprochen wurde
Die geplanten Maßnahmen gehen über ein gewöhnliches Exportverbot hinaus. Sie sollen auch sogenannte Modelle mit offenen Gewichten betreffen. Das sind Systeme, die jeder herunterladen, selbst ausführen und nach eigenen Vorstellungen anpassen kann. Gerade sie haben chinesische KI auch jenseits der Landesgrenzen populär gemacht. Neben ihnen würden die Beschränkungen auch geschlossene Modelle erfassen.
Bei den Gesprächen wurden noch zwei weitere Vorschläge erörtert. Der erste würde die Weitergabe oder den Diebstahl eines unternehmenseigenen KI-Modells zu einer Straftat gegen die nationale Sicherheit machen. Der zweite würde einschränken, wer chinesische Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz finanzieren darf. Die Quellen dämpfen jedoch die Erwartungen. Die Behörden haben noch keine Entscheidung getroffen. Mögliche Beschränkungen könnten zudem nur künftige Modelle betreffen, und es gibt keinerlei Zeitplan.
Reuters konnte nicht herausfinden, wie die neuen Regeln genau aussehen würden. Einen gewissen Anhaltspunkt liefert jedoch ein Treffen chinesischer Juristen im Mai, bei dem es um Regeln für Open-Source-KI ging. Eine Zusammenfassung ihrer Debatte erschien in einer Fachzeitschrift des Obersten Volksgerichts Chinas.
Die Juristen schlugen ein abgestuftes Modell vor. Grundlegende Open-Source-Werkzeuge müssten lediglich gemeldet werden. Fortschrittlichere Technologien würden einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Und die sensibelsten, also führende Modelle an der Grenze der derzeitigen Möglichkeiten, dürften entweder überhaupt nicht öffentlich veröffentlicht werden oder blieben ausschließlich der Nutzung im Inland vorbehalten.
Warum das den Markt erschütterte
Sollte Peking den Zugang tatsächlich einschränken, würde es damit seinen bisherigen Kurs ändern. China sammelte weltweit gerade dadurch Pluspunkte, dass es seine Modelle kostenlos anbot. Seit das Unternehmen DeepSeek im vergangenen Jahr das Modell R1 veröffentlichte, verbreiteten sich chinesische Systeme vor allem dank ihres niedrigen Preises und ihrer wachsenden Fähigkeiten weltweit. Entwickler in Europa gewöhnten sich schnell an die günstigen offenen Modelle. Sie betrachteten sie als erschwinglichen Ersatz für teure amerikanische Systeme. Sollte der Zugang zu diesen Modellen wegfallen, würden die Kosten vieler Unternehmen, die auf chinesischen Modellen aufbauen, wahrscheinlich stark steigen.
Der chinesische Kurswechsel erinnert zudem an das Vorgehen Washingtons. Die Vereinigten Staaten versuchen zu verhindern, dass China ihre fortschrittlichen Modelle kopiert. Im Juni ordnete die US-Regierung an, dass ausländische Staatsangehörige keinen Zugang zu den fortschrittlichsten Modellen von Anthropic, Fable und Mythos erhalten dürfen. Das Unternehmen schaltete die Modelle deshalb für alle Nutzer weltweit ab, da sich die Staatsangehörigkeit nicht in Echtzeit überprüfen ließ. Genau dieses Problem beschäftigt Peking nun unter umgekehrten Vorzeichen. Ähnlich erging es kürzlich auch der neuesten Version von ChatGPT von OpenAI.
China schränkt bereits seit Längerem die Reisen seiner Forscher ein und kontrolliert, wer in heimische Start-ups investieren darf. KI-Modelle zum Staatseigentum zu erklären, wäre nur ein weiterer Stein in dieser Mauer.
Quellen: nst.com und thenextweb.com



